Der Mond packt aus: Woher das Wasser der Erde wirklich stammt

 


Mondstaub erschüttert die große Wasser-Legende

Jahrzehntelang galt sie als nahezu unantastbar: die elegante Theorie, wonach Meteoriten der jungen Erde das lebensspendende Wasser brachten. Kosmische Boten, beladen mit Eis, die aus dem All einschlugen und unsere Ozeane gleich mitlieferten. Eine Geschichte, die perfekt passte – und den blauen Planeten erklärte.

Doch jetzt bekommt dieses Weltbild tiefe Risse. Ausgerechnet der Mond, karg, staubig und tot, entwickelt sich zum Kronzeugen gegen die populäre Erzählung.

Der Mond als Gedächtnis der Frühzeit

Während die Erde ihre eigene Vergangenheit durch Plattentektonik, Vulkanismus und Erosion immer wieder ausgelöscht hat, ist der Mond nahezu unverändert geblieben. Keine Atmosphäre, kein Wetter, keine tektonischen Kräfte. Stattdessen eine Oberfläche, die seit Milliarden Jahren alles speichert, was sie trifft.

Der sogenannte Regolith – eine Schicht aus feinem Staub und Gesteinsbruch – ist damit ein Archiv der frühen Erdgeschichte. Jeder Einschlag, der den Mond traf, traf damals auch die Erde. Nur hier unten sind die Spuren verschwunden.

Alte Proben, neue Methoden

Nun haben Forschende der NASA dieses Archiv neu ausgewertet. Grundlage waren Mondproben der Apollo missions, die seit über 50 Jahren in Labors lagern. Moderne Analyseverfahren ermöglichen heute Einblicke, von denen man zur Zeit der Mondlandungen nur träumen konnte.

Im Zentrum der neuen Studie steht eine scheinbar einfache, aber entscheidende Frage: Wie viel Material im Mondstaub stammt tatsächlich von wasserreichen Meteoriten?

Sauerstoff verrät die Herkunft

Frühere Untersuchungen setzten auf Metalle und Spurenelemente – mit mäßigem Erfolg. Zu leicht werden diese Marker durch Hitze und Einschläge verfälscht. Die neue Analyse wählte deshalb einen robusteren Fingerabdruck: Sauerstoff-Isotope.

Das Verhältnis dieser Isotope erlaubt es, irdisches, lunares und meteoritisches Material klar zu unterscheiden. Ein cleverer Ansatz – denn Sauerstoff ist sowohl in Gestein als auch im Wasser allgegenwärtig.

Das Ergebnis: Mindestens ein Prozent des Mondregoliths stammt von kohlenstoffreichen Meteoriten. Doch selbst unter optimistischen Annahmen hätten diese kosmischen Geschosse nur erstaunlich wenig Wasser mitgebracht.

Doch nur ein Mythos?

Die nüchterne Bilanz der Forschenden ist ein Paukenschlag: Meteoriten können unmöglich den Großteil des irdischen Wassers geliefert haben. Ihr Beitrag reicht bestenfalls für einen Bruchteil der heutigen Ozeane.

Damit gerät eine der populärsten Ursprungserzählungen der Naturwissenschaften ins Wanken. Wenn das Wasser nicht aus dem All kam – woher dann?

Wasser schon immer vorhanden?

Die neue Perspektive ist weniger spektakulär, aber umso plausibler: Das Wasser war womöglich von Beginn an im Baumaterial der Erde enthalten. Winzige Staubkörner in der frühen Akkretionsscheibe könnten bereits gebundenes H₂O getragen haben. Beim Zusammenwachsen der Planetesimale gelangte es ins Erdinnere.

Als der junge Planet noch glutflüssig war, entwichen Gase: Wasserdampf, Kohlendioxid, Methan, Stickstoff. Zwar fegte der aggressive Sonnenwind einen Großteil dieser frühen Atmosphäre hinweg. Doch mit der Abkühlung der Erde änderte sich das Spiel.

Vulkane setzten erneut riesige Mengen Wasserdampf frei. Wolken bildeten sich. Und dann begann es zu regnen. Nicht Tage, nicht Jahre – sondern Jahrtausende. Regen, der Meere formte. Ozeane, in denen später das Leben entstand.

Ein stiller Umsturz der Lehrbücher

Der staubige Mond zwingt die Wissenschaft damit zu einem Perspektivwechsel. Nicht kosmische Lieferdienste, sondern die innere Logik der Planetenentstehung rückt in den Vordergrund. Eine Entwicklung, die weniger romantisch wirkt – aber ökonomisch wie physikalisch stringenter ist.

Der blaue Planet war womöglich von Anfang an dazu bestimmt.